80 Jahre Zeitungs- und Kommunikationswissenschaft in München
 Eine Ausstellung am IfKW · Eröffnung: 7. Mai 2004
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Ein Leben zwischen katholischer Kirche, Journalismus und Wissenschaft

Otto Bernhard Roegele wurde am 6. August 1920 in einer katholischen Akademikerfamilie in Heidelberg geboren – als ältester von drei Söhnen des Gymnasialprofessors Otto Roegele und dessen Ehefrau Elisabeth.

Neudeutschland: Ein katholischer Jugendbund
Prägend nicht nur für Roegeles Jugend, sondern für sein Leben und Denken insgesamt wurde die Mitgliedschaft im katholischen Jugendbund „Neudeutschland“. Dieser, 1919 von der katholischen Kirche gegründet, zeichnete sich durch eine Kombination von Jugendbewegung und katholisch-religiöser Betätigung aus. Gruppentreffen, Tagungen und gemeinsame Fahrten sollten nicht nur Tugenden, wie Einfachheit, Naturnähe, Kameradschaft, Solidarität und Selbstdisziplin vermitteln, sondern auch ein festgefügtes katholisches Weltbild und Leitsätze der religiösen Lebens- und Weltgestaltung nach dem Vorbild Jesus Christus.

Studium, Krieg und ein „Diaspora-Gefühl“
Roegele begann 1938 Philosophie, Geschichte und vorklinische Fächer der Medizin zuerst in München, Heidelberg und Erlangen zu studieren. Es folgten die Einberufung zur Wehrmacht und der Russlandfeldzug. An der Front wurde Roegele mehrmals verhört, weil

sich seine Bruchsaler Ortsgruppe von „Neudeutschland“ trotz Verbot durch die Nationalsozialisten auch weiterhin zusammengefunden hatte. Einige Kameraden wurden von der Gestapo verfolgt, es kam zu einem Gerichtsprozess. Diese Erlebnisse und das „Diaspora-Gefühl“ des jungen Katholiken im Reichsarbeitsdienst oder an der nationalsozialistischen Universität dürften das Selbstverständnis des späteren Publizisten und Wissenschaftlers stark geprägt haben. Nach Kriegsverwundung und Krankheit konnte Roegele noch während des Krieges das Studium fortsetzen und im April 1945 mit dem Erwerb von zwei Doktorhüten (in Geschichte und in Medizin) beenden.

Neubeginn als Journalist
Nach einigen Wochen in amerikanischer Kriegsgefangenschaft fand der Mittzwanziger Arbeit an Kliniken in Karlsruhe und Heidelberg. Gleichzeitig bot sich die Gelegenheit, journalistisch tätig zu werden. Als freier Mitarbeiter des neugegründeten „Rheinischen Merkur“ berichtete er ab März 1946 aus dem badischen Gebiet. Ab 1948 wechselte Roegele ganz in den Journalismus. Zunächst leitete er das Ressort Kulturpolitik und war dann von 1949 bis 1963 Chefredakteur des Blattes.

Links der „Rheinische Merkur“ vom 7. Juni 1963 mit einem Hinweis auf einen Artikel von Roegele (roter Balken). Den jüngsten Relaunch gab es 1998, rechts das aktuelle Erscheinungsbild (Ausgabe vom 4. Dezember 2003). Der „Rheinische Merkur“ wurde 1946 von Franz Albert Kramer gegründet. Vorbild und Namensgeber war der „Rheinische Merkur“ des katholischen Publizisten Joseph Görres. Dieser hatte ab 1814 eines der ersten „Meinungsblätter“ geschrieben und dabei eine anti-napoleonische Position und preußischen „Nationalgeist“ vertreten. Die Zeitung wurde 1816 verboten. Der heutige „Merkur“, hinter dem ein siebenköpfiges Herausgeberkollektiv steht, erscheint als überregionale Wochenzeitung. Das Blatt erhielt seit den 1970er Jahren Zuschüsse von der Katholischen Kirche und wurde 1974 von sieben katholischen Bistümern erworben. 1980 kam es zur Fusion mit der evangelischen Wochenzeitung „Christ und Welt“. Hauptgrund waren sinkende Abonnementzahlen. Dem „Rheinischen Merkur“ wurde zumindest in seiner Anfangszeit ein katholisches, unorthodox-konservatives, föderalistisches und sozialliberales Profil zugeschrieben. Nach der Fusion mit „Christ und Welt“ ist er nicht mehr streng konfessionell ausgerichtet. Die Blattmacher selbst bezeichnen ihre politische Orientierung als liberal-konservativ.
Einstieg in das Fach Zeitungswissenschaft
Mit 43 Lebensjahren folgte der zweite Berufswechsel, diesmal in die Wissenschaft. Im Mai 1963 trat Roegele die Nachfolge von Hanns Braun an. Auch Roegele war ein Fachfremder, der sich zunächst in zeitungswissenschaftliche Begrifflichkeiten und Fragestellungen einarbeiten musste. In den Berufungsverhandlungen hatte er sich ausbedungen, weiterhin für den „Rheinischen Merkur“ tätig sein zu können. Aus dem Chefredakteur wurde ein (Mit-)Herausgeber, der bis heute Antworten auf „Fragen der Zeit“ sucht. Er sei immer Journalist geblieben, die journalistische Praxis habe ihn geprägt, so Roegele. Bald nach seiner Berufung engagierte er sich intensiv bei der Gründung der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München. Otto B. Roegele wurde 1985 emeritiert. Der HFF blieb er länger verbunden. Dort nahm er 1988 seinen Abschied aus dem akademischen Leben.


Das Fach nach dem Krieg

Anfang der 1960er Jahre hatte die Publizistik- bzw. Zeitungswissenschaft den Höhepunkt ihrer Nachkriegskrise erreicht: von Wissenschaft und Politik nicht akzeptiert, intern zerstritten und ohne habilitierten Nachwuchs. Politiker, Verleger, Journalisten und Ministerialbeamte sahen kaum Sinn im Erhalt des Faches. Man schrieb der Zeitungswissenschaft keine Problemlösungskompetenz in Hinblick auf gesellschaftliche Entwicklungen zu. Im Gegenteil: Der Deutsche Wissenschaftsrat lehnte es 1960 ab, die Hochschulkapazitäten für die Disziplin auszuweiten. „Zeitungswissenschaft“ sollte nur noch als „Sondergebiet“ in Berlin und München bestehen bleiben. Das Münsteraner Institut wurde schon nicht mehr berücksichtigt. Lehrstuhlinhaber Walter Hagemann war 1959 suspendiert worden und anschließend in die DDR geflohen.

Interne Grabenkämpfe
Die wenigen Institute hatten selbst wenig dazu beigetragen, ihr Image zu verbessern. Anstatt geschlossen nach außen hin aufzutreten und klare Vorstellungen über Gegenstand und Ziele zu vermitteln, hatten die Fachvertreter ihre Kräfte in Richtungskämpfen aufgezehrt. Schon die Bezeichnungen der Institute in München (Zeitungswissenschaft), Münster (Publizistikwissenschaft) und West-Berlin (Publizistik) waren Programm. Mit der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Zeitungswissenschaft 1963 sei eine „lange Strecke zumeist selbstverschuldeter Schwäche“ überwunden worden, so der „Neuankömmling“ Roegele. Der Zusammenschluss zu einer Fachgesellschaft kann als Konsolidierungsschritt gewertet werden. Erste Aufgaben der Assoziation waren Imagearbeit und das Ringen um akademische Rechte, Stellen sowie Sachmittel. Dass sich die Schwäche des Fachs aber noch lange auswirkte, zeigt sich auch daran, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft bis 1971 keinen facheigenen Gutachterausschuss für die Beurteilung von Förderanträgen eingesetzt hatte.

Neue Männer für das Fach, auch in München
Zu Beginn der 1960er Jahre wurde nicht nur der Münchener Lehrstuhl neubesetzt. Münster holte 1960 Henk Prakke, einen niederländischen
 

Verleger und Soziologen, und in West-Berlin wurde 1961 Fritz Eberhard, Politiker und Intendant des Süddeutschen Rundfunks, Nachfolger von Emil Dovifat.

Henk Prakke Fritz Eberhard Emil Dovifat Publizistikwissenschaftler der 1960er Jahre (von links): Henk Prakke, Fritz Eberhard und Emil Dovifat.

Der Rückgriff auf Praktiker zeigt die Personalsituation des Faches: Die erste Habilitation nach dem Krieg gelang erst 1968 in West-Berlin (Kurt Koszyk). Vorher waren mehrere Versuche gescheitert, auch in München (Wilhelm Klutentreter, 1954). Hier wollte sich Hanns Braun eigentlich schon 1961 aus dem Institutsleben zurückziehen. Ähnlich wie Karl d‘Ester musste er bis ins hohe Alter auf eine Ablösung warten. Sein Nachfolger Otto B. Roegele stand auf der Berufungsliste auf Platz zwei. Oskar Köhler, Direktor des Freiburger Herder Verlags, lehnte den Ruf ab. Keiner der Kandidaten hatte das Fach studiert, alle waren in Presse- oder Verlagsberufen tätig.

Obwohl sich unter Hanns Braun die Stellung des Instituts in der Universität verbessert hatte – die zeitungswissenschaftliche Professur war zu einem Ordinariat aufgewertet worden – legte er Roegele ans Herz, seine Antrittsvorlesung keinesfalls im ersten Semester zu halten. Er solle den Kollegen Zeit lassen, sich an den „Neuen“ zu gewöhnen.




Otto B. Roegele überreichte Otto Groth (1875 bis 1965) anlässlich seines 90. Geburtstags eine Urkunde über die Ernennung zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Zeitungswissenschaft (DGPuZ). Zwischen dem Journalisten und Zeitungswissenschaftler Otto Groth und dem Münchener Institut hatte es nie eine feste Verbindung gegeben.

Groth hatte aber für sein Monumentalwerk „Die Zeitung“ (1928 bis 1930) die Bibliothek d‘Esters nutzen können. Die zeitungswissenschaftliche Theorie der „Münchener Schule“ stützt sich wesentlich auf Groths Ideen. Foto: privat.

Hochschule für Fernsehen und Film

Otto B. Roegele wurde 1967 Gründungspräsident der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München. Die HFF vereint künstlerische, wissenschaftliche und technische Elemente. Für die Anbindung an die Wissenschaft sollte eine Abteilung „Kommunikationswissenschaft und studium generale“ sorgen, deren Leiter Roegele 1967 bis 1988 war. Das hinter der Hochschulgründung stehende interuniversitäre Konzept schien auch durch den anfänglichen Sitz in der Kaulbachstraße, in unmittelbarer Nähe zum zeitungswissenschaftlichen Institut, begünstigt zu werden.

Karl Friedrich ReimersDas Lehrprogramm der HFF war Studierenden beider Einrichtungen zugänglich. Die Kooperation blieb aber weitgehend auf die persönliche Ebene beschränkt. Schlüsselfigur der Zusammenarbeit wurde Karl Friedrich Reimers, von 1975 bis 2001 Ordinarius an der HFF und bis Anfang der 90er Jahre Prüfungsberechtigter am Institut für Kommunikationswissenschaft. Reimers betreute hier zahlreiche Examenskandidaten und begeisterte die Studierenden mit seinen Lehrveranstaltungen (siehe hierzu auch „Lehre: Streit und Kooperation“). Von der einstigen Zusammenarbeit mit der HFF ist heute im Institut nichts mehr zu spüren.

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