Ein Leben zwischen katholischer Kirche, Journalismus und Wissenschaft
Otto Bernhard Roegele wurde am 6. August 1920 in einer katholischen Akademikerfamilie in
Heidelberg geboren – als ältester von drei Söhnen des Gymnasialprofessors Otto Roegele
und dessen Ehefrau Elisabeth.
Neudeutschland: Ein katholischer Jugendbund
Prägend nicht nur für Roegeles Jugend, sondern für sein Leben und Denken insgesamt
wurde die Mitgliedschaft im katholischen Jugendbund „Neudeutschland“. Dieser, 1919
von der katholischen Kirche gegründet, zeichnete sich durch eine Kombination von
Jugendbewegung und katholisch-religiöser Betätigung aus. Gruppentreffen, Tagungen
und gemeinsame Fahrten sollten nicht nur Tugenden, wie Einfachheit, Naturnähe,
Kameradschaft, Solidarität und Selbstdisziplin vermitteln, sondern auch ein festgefügtes
katholisches Weltbild und Leitsätze der religiösen Lebens- und Weltgestaltung nach
dem Vorbild Jesus Christus.
Studium, Krieg und ein „Diaspora-Gefühl“
Roegele begann 1938 Philosophie, Geschichte und vorklinische Fächer der Medizin
zuerst in München, Heidelberg und Erlangen zu studieren. Es folgten die Einberufung
zur Wehrmacht und der Russlandfeldzug. An der Front wurde Roegele mehrmals verhört,
weil
sich seine Bruchsaler Ortsgruppe von „Neudeutschland“ trotz Verbot durch die
Nationalsozialisten auch weiterhin zusammengefunden hatte. Einige Kameraden
wurden von der Gestapo verfolgt, es kam zu einem Gerichtsprozess. Diese Erlebnisse
und das „Diaspora-Gefühl“ des jungen Katholiken im Reichsarbeitsdienst oder an
der nationalsozialistischen Universität dürften das Selbstverständnis des späteren
Publizisten und Wissenschaftlers stark geprägt haben. Nach Kriegsverwundung und
Krankheit konnte Roegele noch während des Krieges das Studium fortsetzen und im
April 1945 mit dem Erwerb von zwei Doktorhüten (in Geschichte und in Medizin) beenden.
Neubeginn als Journalist
Nach einigen Wochen in amerikanischer Kriegsgefangenschaft fand der Mittzwanziger
Arbeit an Kliniken in Karlsruhe und Heidelberg. Gleichzeitig bot sich die Gelegenheit,
journalistisch tätig zu werden. Als freier Mitarbeiter des neugegründeten „Rheinischen
Merkur“ berichtete er ab März 1946 aus dem badischen Gebiet. Ab 1948 wechselte Roegele
ganz in den Journalismus. Zunächst leitete er das Ressort Kulturpolitik und war dann
von 1949 bis 1963 Chefredakteur des Blattes.
Einstieg in das Fach Zeitungswissenschaft
Mit 43 Lebensjahren folgte der zweite Berufswechsel, diesmal in die Wissenschaft. Im
Mai 1963 trat Roegele die Nachfolge von Hanns Braun an. Auch Roegele war ein Fachfremder,
der sich zunächst in zeitungswissenschaftliche Begrifflichkeiten und Fragestellungen
einarbeiten musste. In den Berufungsverhandlungen hatte er sich ausbedungen, weiterhin
für den „Rheinischen Merkur“ tätig sein zu können. Aus dem Chefredakteur wurde ein
(Mit-)Herausgeber, der bis heute Antworten auf „Fragen der Zeit“ sucht. Er sei immer
Journalist geblieben, die journalistische Praxis habe ihn geprägt, so Roegele. Bald nach
seiner Berufung engagierte er sich intensiv bei der Gründung der Hochschule für Fernsehen
und Film (HFF) in München. Otto B. Roegele wurde 1985 emeritiert. Der HFF blieb er länger
verbunden. Dort nahm er 1988 seinen Abschied aus dem akademischen Leben.
Das Fach nach dem Krieg
Anfang der 1960er Jahre hatte die Publizistik- bzw. Zeitungswissenschaft den Höhepunkt
ihrer Nachkriegskrise erreicht: von Wissenschaft und Politik nicht akzeptiert, intern
zerstritten und ohne habilitierten Nachwuchs. Politiker, Verleger, Journalisten und
Ministerialbeamte sahen kaum Sinn im Erhalt des Faches. Man schrieb der
Zeitungswissenschaft keine Problemlösungskompetenz in Hinblick auf gesellschaftliche
Entwicklungen zu. Im Gegenteil: Der Deutsche Wissenschaftsrat lehnte es 1960 ab,
die Hochschulkapazitäten für die Disziplin auszuweiten. „Zeitungswissenschaft“ sollte
nur noch als „Sondergebiet“ in Berlin und München bestehen bleiben. Das Münsteraner
Institut wurde schon nicht mehr berücksichtigt. Lehrstuhlinhaber Walter Hagemann
war 1959 suspendiert worden und anschließend in die DDR geflohen.
Interne Grabenkämpfe
Die wenigen Institute hatten selbst wenig dazu beigetragen, ihr Image zu verbessern.
Anstatt geschlossen nach außen hin aufzutreten und klare Vorstellungen über Gegenstand
und Ziele zu vermitteln, hatten die Fachvertreter ihre Kräfte in Richtungskämpfen aufgezehrt.
Schon die Bezeichnungen der Institute in München (Zeitungswissenschaft), Münster
(Publizistikwissenschaft) und West-Berlin (Publizistik) waren Programm. Mit der Gründung
der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Zeitungswissenschaft 1963 sei eine
„lange Strecke zumeist selbstverschuldeter Schwäche“ überwunden worden, so der
„Neuankömmling“ Roegele. Der Zusammenschluss zu einer Fachgesellschaft kann als
Konsolidierungsschritt gewertet werden. Erste Aufgaben der Assoziation waren Imagearbeit
und das Ringen um akademische Rechte, Stellen sowie Sachmittel. Dass sich die
Schwäche des Fachs aber noch lange auswirkte, zeigt sich auch daran, dass die
Deutsche Forschungsgemeinschaft bis 1971 keinen facheigenen Gutachterausschuss
für die Beurteilung von Förderanträgen eingesetzt hatte.
Neue Männer für das Fach, auch in München
Zu Beginn der 1960er Jahre wurde nicht nur der Münchener Lehrstuhl neubesetzt.
Münster holte 1960 Henk Prakke, einen niederländischen
Verleger und Soziologen,
und in West-Berlin wurde 1961 Fritz Eberhard, Politiker und Intendant des Süddeutschen
Rundfunks, Nachfolger von Emil Dovifat.
Publizistikwissenschaftler der 1960er Jahre (von links): Henk Prakke, Fritz Eberhard und Emil Dovifat.
Der Rückgriff auf Praktiker zeigt die
Personalsituation des Faches: Die erste Habilitation nach dem Krieg gelang erst 1968
in West-Berlin (Kurt Koszyk). Vorher waren mehrere Versuche gescheitert, auch in
München (Wilhelm Klutentreter, 1954). Hier wollte sich Hanns Braun eigentlich
schon 1961 aus dem Institutsleben zurückziehen. Ähnlich wie Karl d‘Ester musste
er bis ins hohe Alter auf eine Ablösung warten. Sein Nachfolger Otto B. Roegele stand
auf der Berufungsliste auf Platz zwei. Oskar Köhler, Direktor des Freiburger Herder
Verlags, lehnte den Ruf ab. Keiner der Kandidaten hatte das Fach studiert, alle waren in
Presse- oder Verlagsberufen tätig.
Obwohl sich unter Hanns Braun die Stellung des
Instituts in der Universität verbessert hatte – die zeitungswissenschaftliche Professur
war zu einem Ordinariat aufgewertet worden – legte er Roegele ans Herz, seine
Antrittsvorlesung keinesfalls im ersten Semester zu halten. Er solle den Kollegen
Zeit lassen, sich an den „Neuen“ zu gewöhnen.
Otto B. Roegele überreichte Otto Groth (1875 bis 1965) anlässlich seines 90.
Geburtstags eine Urkunde über die Ernennung zum Ehrenmitglied der Deutschen
Gesellschaft für Publizistik- und Zeitungswissenschaft (DGPuZ). Zwischen
dem Journalisten und Zeitungswissenschaftler Otto Groth und dem Münchener
Institut hatte es nie eine feste Verbindung gegeben.
Groth hatte aber für
sein Monumentalwerk „Die Zeitung“ (1928 bis 1930) die Bibliothek d‘Esters
nutzen können. Die zeitungswissenschaftliche Theorie der „Münchener Schule“
stützt sich wesentlich auf Groths Ideen. Foto: privat.
Hochschule für Fernsehen und Film
Otto B. Roegele wurde 1967 Gründungspräsident der Hochschule für
Fernsehen und Film (HFF) in München. Die HFF vereint künstlerische,
wissenschaftliche und technische Elemente. Für die Anbindung an die Wissenschaft
sollte eine Abteilung „Kommunikationswissenschaft und studium generale“ sorgen,
deren Leiter Roegele 1967 bis 1988 war. Das hinter der Hochschulgründung stehende
interuniversitäre Konzept schien auch durch den anfänglichen Sitz in der Kaulbachstraße,
in unmittelbarer Nähe zum zeitungswissenschaftlichen Institut, begünstigt zu werden.
Das Lehrprogramm der HFF war Studierenden beider Einrichtungen zugänglich.
Die Kooperation blieb aber weitgehend auf die persönliche Ebene beschränkt.
Schlüsselfigur der Zusammenarbeit wurde Karl Friedrich Reimers, von 1975 bis 2001
Ordinarius an der HFF und bis Anfang der 90er Jahre Prüfungsberechtigter am Institut
für Kommunikationswissenschaft. Reimers betreute hier zahlreiche Examenskandidaten
und begeisterte die Studierenden mit seinen Lehrveranstaltungen (siehe hierzu auch
„Lehre: Streit und Kooperation“). Von der einstigen Zusammenarbeit mit der HFF ist
heute im Institut nichts mehr zu spüren.